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Merve in der Kita Wirbelwind

Wir sitzen im Garten der Kita Wirbelwind, im oberen Bereich mit den Holzbänken und den schattenspendenden Bäumen. An diesem 11. Mai 2022, dem bisher wärmsten Tag des Jahres mit fast dreißig Grad, ist das wohltuend. Dazu weht ein kühlender Wind. Vogelgezwitscher legt einen angenehmen Klangteppich über das Grün.

Das viele Grün in der Stadt sei ihr besonders aufgefallen, sagt Merve. Das gäbe es in türkischen Städten, insbesondere in Istanbul, wo sie vier Jahre gelebt hat, gar nicht. Wenn man nur einmal einen anderen Weg geht, steht man direkt in einem Park, einem kleinen Wäldchen oder inmitten einer Blumenwiese. Nicht nur einmal hat sich Merve gefragt: Ist das immer noch eine Stadt? Gehört das hier noch zu Dresden?

Merve mag es, diese grünen Ecken von Dresden zu erkunden. Ihren Arbeitsweg von der Neustadt nach Gorbitz und zurück fährt sie oft mit Bus und Straßenbahn. Doch ab und zu läuft sie auch, besonders wenn das Wetter so sonnig und warm ist wie heute. Dann läuft sie durch Straßenschluchten, über Wiesen, atmet die beinahe maritime Luft, wenn sie über eine der Elbbrücken geht. Auch die Semperoper hat sie dabei schon gesehen.

Die Muttersprache ihrer Eltern

Zum ersten Mal gesehen hat Merve die Semperoper, als sie sich über Dresden informiert hat. Heutzutage geht das ja leicht: Ein paar Suchbegriffe bei Google eingegeben und schon konnte sie auf virtuelle Besichtigungstour gehen. Als ein Bild der Semperoper auftaucht, kann sie erstmal nicht weiterschauen. Die barocke Architektur hatte es ihr angetan. Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Und plötzlich wusste Merve: Da will ich hin.

Für das Freiwilligenprogramm des Omse e.V. beworben hat sich Merve aus zwei Gründen: Sie wollte noch mal etwas Neues ausprobieren und dabei Deutsch lernen. Dieser zweite Wunsch ist nicht aus dem Nichts entstanden. Tatsächlich war Deutsch die erste Sprache, die ihre Eltern gelernt haben. Ihre Mutter wuchs in Köln auf, ihr Vater in Frankfurt am Main. Beide waren Kinder von sogenannten Gastarbeitern aus der Türkei. Türkisch haben Merves Eltern erst als zweite Sprache gelernt. Kennengelernt haben sie sich in Istanbul beim Studium.

Später ist die Familie nach Izmir an der Westküste der Türkei zur Ägäis gezogen, wo Merve zuletzt wieder gelebt hat. Zuvor war sie Bergbauingenieurin in einer Stadt etwas weiter östlich im Landesinneren. Sie trug die Verantwortung für etwa 300 Arbeiter, die jeden Tag ihr Leben riskierten. Nach einigen Jahren in diesem Beruf war ihr klar: Das kann und will ich nicht mein ganzes Leben lang machen.

Also besann sie sich auf ihren ersten Beruf als Krankenschwester. Insbesondere die Arbeit mit Kindern macht ihr so viel Freude, dass ihr die Möglichkeit, beim Omse e.V. in einem Kindergarten arbeiten zu können, sofort gefallen hat.

Kinder sind gute Deutschlehrer

Seit etwa zwei Monaten ist Merve nun schon in Dresden. Doch es ärgert sie ein bisschen, dass sie noch nicht so gut Deutsch kann, wie sie es gerne würde. Ein paar Begriffe, die immer wieder fallen, spricht sie jedoch auch schon fast so automatisch wie ihre Kolleg*innen in der Kita Wirbelwind. »Natürlich« gehört dazu und »genau«. Als sie vor kurzem wieder mit ihrer Mutter telefoniert und ihr von ihren Fortschritten erzählt hat, meinte die Mutter scherzhaft, dass das nicht wirklich nach Deutsch klinge, was sie da in Dresden lernen würde. Merves »genau« klang einfach zu sächsisch!

Auch die Kinder seien ihr beim Deutschlernen eine große Hilfe, sagt Merve. Mit ihrer ungezwungenen Art ohne Vorurteile oder Berührungsängste helfen sie Merve, wenn ihr mal ein Wort nicht einfällt. Oder sie zeigt auf einen Gegenstand, dessen deutsche Bezeichnung sie noch nicht kennt. Merve fühlt sich im Wirbelwind sehr wohl und ist zuversichtlich, dass ihr Deutsch innerhalb des Jahres, das sie in Dresden verbringen wird, noch besser wird. Dabei hilft ihr auch ihre deutsche Gastfamilie in der Dresdner Neustadt.

Für das Freiwilligenprogramm hatte der Omse e.V. ursprünglich eine Wohnung in Gorbitz für insgesamt sechs Freiwillige eingerichtet. Doch dann kam der Krieg gegen die Ukraine, die ukrainischen Teilnehmer mussten plötzlich ihr Land verteidigen und die Freiwilligen aus Marokko warten noch immer auf ihr Visum. Merve war die einzige Freiwillige, die kommen konnte. Doch mittlerweile dient die Gorbitzer Wohnung ukrainischen Geflüchteten als Unterkunft.

Kebap mit Sauce ist einfach nicht richtig

Glücklicherweise fand sich eine dem Omse e.V. freundschaftlich verbundene Familie, die Merve bei sich aufnehmen konnte. Mit den beiden Töchtern versteht sie sich gut. Mit Freunden der Familie waren sie schon gemeinsam in Moritzburg. Auch ein paar Städte in der näheren Umgebung möchte Merve noch kennenlernen, z.B. Leipzig und Berlin. In Dresden möchte sie viele Museen besuchen und natürlich die Semperoper.

Manchmal ist es für Merve nicht leicht, sich noch nicht richtig auf Deutsch unterhalten zu können. Sie telefoniert regelmäßig mit ihrer Mutter. Doch auch in Dresden hat sie jemanden gefunden, mit dem sie sich über ihren Alltag austauschen kann. Wie Merve ist auch ein junger Türke als Freiwilliger in Dresden. Sie haben sich hier kennengelernt und treffen sich in ihrer Freizeit zum Reden und zum Erkunden der Umgebung.

Was sie in Dresden allerdings richtig vermisst, ist das türkische Essen. Das klingt erstmal seltsam; immerhin gibt es doch hier an beinahe jeder Ecke ein türkisches Restaurant. Doch Merve erklärt, dass ein richtiger Kebap nur aus Fleisch, Zwiebel, Tomaten und Olivenöl besteht. In Deutschland gibt es jedoch noch eine große Kelle Sauce drauf, meist Joghurtsauce oder Knoblauchsauce. Das kann Merve nicht verstehen. Andererseits mag sie den Straßenverkehr, der in Dresden so viel sicherer sei als in Istanbul oder Izmir.

Bis März 2023 wird Merve noch in Dresden und in der Kita Wirbelwind sein. Was danach passiert? Das weiß sie jetzt noch nicht. Sie mag es nicht, große Pläne zu schmieden, sondern genießt lieber den Augenblick. Wenn sie sich ihr einziges großes Ziel bis zum März erfüllen kann, dann kann sie glücklich nach Izmir zurückkehren: einmal eine Oper in der Semperoper erleben.

 

Vielen Dank, Merve, für Deine Zeit und den Einblick in Deine Arbeit und Dein Leben und noch viel Spaß und Erfolg bei Deiner Arbeit im Wirbelwind.